HÄRTER DENN JE
Nirgendwo kann man die extremen Einschätzungen der Branche besser beobachten: Die Deutschen glauben nicht mehr an Musik als Geschäft, die Japaner setzen auf Verwertungsideen.
Wenigstens einmal im Jahr noch feiert die Musikbranche sich selbst. Es ist die Grammy-Nacht und das, was man wohl ein rauschendes Fest nennt. Im Sekundentakt rollen die Limousinen vor dem Beverly Hills Hotel vor. Unten, im gutbewachten Hotelgarten, gibt es reichlich Scampi und Champagner. Dort drüben sammelt Tony Bennett schöne Frauen um sich, und gleich da vorn tanzt Beyoncé Knowles. Für einen Moment scheint alles gut und schön und nicht, als ringe eine ganze Branche mit dem Tod. Doch dann ist da noch ein anderes Bild, ein viel symbolhafteres, so fürchten all die, die nicht aufhören können zu tuscheln und zu starren. In der Mitte des Ballsaals sitzt einsam eine alte, schwere Frau und kaut auf wenig Exklusivem herum: Aretha Franklin hat sich ihr eigenes belegtes Brötchen mitgebracht. Schnell spricht sich die Szene herum, auch nach oben, die breite Marmortreppe hinauf. Dort, am Ende des roten Teppichs, steht Barry Weiss im maßgeschneiderten Smoking und verteilt Begrüßungen. Küsschen für die weiblichen Stars, Händeschütteln für die männlichen und kumpelhafte Rempler für die Rapper. Er hört die Geschichte von Aretha Franklin, er kommentiert sie nicht. Schüttelt nur traurig den Kopf, als wolle er sagen: Nein, so weit ist es nicht, noch können wir unseren Gästen etwas zu essen anbieten.
Weiss ist Chef der BMG Label Group, eine Legende in der Branche und seit fast 30 Jahren im Geschäft. Er ist heute, in dieser wichtigsten Nacht des Jahres, der Gastgeber und das Gesicht des zweitgrößten Musikkonzerns der Welt, Sony BMG. Ein Gesicht, das sich in diesem Moment verzieht zu einer Grimasse. Jemand hat ihm zugeflüstert: Die Foo Fighters sind im Anmarsch, die wichtigste Rockband des Konzerns. Sie wollen Freunde mitbringen zur Party. Nicht 3 oder 4, sondern 55. Weiss nickt es ab, er sagt: "Es sind schließlich Rocker." Aber er musste nachdenken für einen Moment, denn fast nichts ist mehr wie früher im Musikgeschäft. Nicht einmal die Partys.
TEXT: THOMAS SCHULZ
QUELLE: DER SPIEGEL
FOTOS: ANDREW MACPHERSON / SONY BMG
Den kompletten Bericht findet Ihr im MUSIKER-Magazin 04/2008




