Süße Träume von ungebremster Kreativität
In einem der stereotypen Konferenzzimmer in einem nicht weniger stereotypen Hotel der Berliner Innenstadt sitzt Dave Stewart, der ehemalige Mastermind von den Eurythmics. Auf seinem T-Shirt steht in dicken Lettern "Love". In der Hand hält er die CD seiner neuen Band "Da Univerzal Playaz". Viel interessanter jedoch als die Musik ist das Konzept, das hinter dem Tonträger steht. Stewart hat in den vergangenen Jahren seine Vision vom "Artist Network" realisiert, einem Medienunternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine alternative Plattform für Künstler aus den Bereichen Musik und Film zu bieten.
"Die heutigen Medien-Konglomerate sind so groß geworden, haben soviel Infrastruktur und so hohe Kosten, dass sie ihre Produkte standardisieren müssen, um profitabel zu arbeiten", meint Stewart. "Aber wenn man mit Kunst und Kreativität handelt, ist es eine pervertierte Vorstellung, in diesem Zusammenhang an Massenware zu denken." Man denke in diesem Zusammenhang nur an die Auftritte im Marktsegment der Boy- und Girl-Groups und an Formate wie "The Dome", "Popstars" oder die Suche nach dem nächsten Superstar. Formate, die nur sekundär als Plattform der Jugendkultur dienen, sondern die als Dauerwerbesendung den Kids mit clever suggerierten Sehnsüchten das Taschengeld entlocken sollen. Die Finanzkraft der Zielgruppe wird von der Industrie angesichts stetig enger werdender Margen immer heftiger umworben. Im Spannungsfeld zwischen Industrie und Fan denkt so jedoch niemand recht an die Künstler. Stewart nervt das. Er kennt das Spiel. Er weiß auch, dass die Unterhaltungsindustrie in ihrer schwersten Krise steckt. Global Player wie Sony, Universal, BMG, Warner und Co. sind ihren Anteilseignern gegenüber zu Rechenschaft und permanent steigenden Profiten verdonnert. Dabei rechnet sich nur etwa ein einstelliger Prozentsatz aller unter Vertrag genommenen Künstler. Wer heute nicht sofort senkrecht an die Pole Position der Charts durchstartet, wird nach dem zweiten Album meist schon wieder fallen gelassen. "Deshalb haben wir eine Firma mit gänzlich anderen Zielen und Inhalten gegründet."
An seiner Seite ist eine handverlesene Schar an Gleichgesinnten. Leute mit ausgeprägter Kreativität. Mit Visionen. Mit Leidenschaft und Bereitschaft zum Risiko. Hinter dem finanziellen Konzept steht Michael Philipp, ehemaliger Chairman des Asset Managements der Deutschen Bank. Für die Sparte Film hat Stewart den Produzenten Malcolm Gerrie von Initial TV geholt, die wiederum Teil von Endemol sind. Dann den Filmemacher Shekhar Kapur ("Elizabeth", "Four Feathers") sowie die britische Medienkultfigur Chris Blackwell, ehemaliger Eigner von Island Records (U2, Roxy Music, Bob Marley) und heutiger Chef des Indie-Labels Palm Pictures. Dazu die ehemalige Body-Shop-Gründerin Anita Roddick.
Auch bei Virgin Deutschland diskutiert man Alternativen. "Wenn diese Branche weiter bestehen will", weiß Gregor Stöckl, derzeitiger Boss der Münchner Filiale, "müssen im großen Maße neue Künstler gefördert werden, und zwar nicht solche, die in einem halben Jahr verschwunden sind, sondern jene, die sich entwickeln und fünf bis zehn Jahre bleiben." Es ist kein Geheimnis: es sind nur die etablierten Künstler, die Gewinne abwerfen, von denen dann ein Teil in junge Talente re-investiert wird. Ohne Veteranen wie R.E.M., die Rolling Stones, U2 oder Bob Dylan hätten die Verantwortlichen der großen Plattenfirmen noch mehr Sorgenfalten auf der Stirn. Einen Plattenvertrag erhält in diesen Tagen nur, von dem sich die Firma entweder verspricht, eine Nische erobern zu können oder sich in bereits bestehende Schubladen einzunisten. Schon lange wundert es niemanden mehr, wenn eine Plattenfirma mit ihrem Produkt Erfolg hat, dass die Konkurrenz sofort ihre Antwort ins Rennen um die Publikumsgunst schickt. Innerhalb der ersten sechs Monate hat "Artist Network" mehr als zehn Millionen Pfund Sterling Startkapital zusammengetragen und bastelt fleißig an der Schaffung von Unternehmsprofil und ?struktur. Künstler brauchen Studios und Veranstaltungsorte, die Firma eine ständige Präsenz. Mit Stewarts Londoner "Church-Studios", in denen die Platten der Eurythmics und vieler anderer Künstler entstanden, besitzt man Produktionsmittel, um unabhängig Musik und Videos zu produzieren. Eine Plattform für die hauseigenen Bands schuf man, indem man das seit 1996 geschlossene altehrwürdige Londoner Marquee kaufte, restaurierte und mit großem Medienrummel wieder eröffnete. Und dann wäre da noch das hypermoderne Multimedia-Zentrum "The Hospital" am Londoner Covent Garden. Das ehemalige Krankenhaus mit Filmtheatern, Ausstellungsräumen und Studios auf 60 000 Quadratmetern ist ein Projekt, das Stewart parallel mit seinem Partner Paul G. Allen (Ex-Microsoft) aufzog.
Die Infrastruktur steht. Zugegeben, "Artist Network" ist noch eine Kleinfamilie. Jimmy Cliff und Dave Stewart mit seiner Band "Da Univerzal Playaz" sind die bekanntesten Namen, umgeben von talentierten Nobodys. Und nur, wenn die Familie frisches Blut erhält, sinkt die Gefahr der "künstlerischen Inzucht". Darüber macht sich Stewart jedoch keine Sorgen. "Erstens: Unsere Community wächst rasend schnell. Und zweitens denken wir interdisziplinär. Eine Band wie die Davey Brothers ist zum Beispiel auch im Bereich der Videokunst sehr aktiv, für die sie bei uns eine Plattform findet. Wir haben allein in den ersten sechs Monaten so viele unterschiedliche Musiker mit so unterschiedlichen Schwerpunkten in der Firma, dass ich die Gefahr einer Inzucht überhaupt nicht sehe." Allein in Deutschland erscheinen 200 neue Tonträger pro Woche. "Die heutige Fülle der Produkte ist teilweise verheerend", findet auch Gregor Stöckl. "Da ist soviel Müll dabei und soviel Schmarrn, dass einem ganz schlecht wird. Alles ist übersättigt." Und dennoch lassen sich täglich neue Bands durch die Maschine jagen, werden verheizt und wollen es gar nicht anders. Auch wenn Stöckl findet, "diese klischeehafte Horror-Plattenfirma gibt es kaum noch", dürften die vertraglichen Konditionen für junge Bands angesichts schwindender Margen nicht unbedingt besser geworden sein. Wer erinnert sich nicht an George Michael oder den aus Frust namenlos gewordenen kleinen "Prinzen" aus Minneapolis und deren Klagen gegen ihre Plattenfirmen? Im Gegensatz zu den viel zitierten Gerüchten über "Knebelverträge" offeriert "Artist Network" seinen Künstlern geradezu unglaublich attraktive Verträge: Man begnügt sich mit einem 50:50-Deal. Und obendrauf gibt?s ? man kennt das als Mittel der Mitarbeitermotivation ? für jeden Künstler noch Firmenanteile. Der Community-Gedanke indes ist nicht neu. "Kontakte sind alles", weiß auch Stewart. Er hat Soul für die "Weather Girls" produziert, Pop mit Natalie Imbruglia und "No Doubt" und Rock mit Jon Bongiovi. Mit den Eurythmics hat er 30 Millionen Alben verkauft. Seine Soloalben dienten nur dem Ego. Visuelle Kunst reizt Stewart genauso wie sich eine Gitarre vor den Bauch zu binden. Seine Fotoarbeiten zieren zahlreiche Ausstellungen, Hollywood-Diva Demi Moore lässt sich am liebsten von ihm ablichten, und die Popsternchen von "All Saints" verlangten ihn als Videoproduzenten. Der Mann kennt Belange und Interessen von Künstlern. Folglich logisch, dass sein Konzept von "Artist Network" von Seiten der Künstler reges Interesse erfährt. "Wir haben vor einiger Zeit ein Treffen organisiert mit Leuten wie Stevie Wonder, Mick Jagger, Quincy Jones, Bob Dylan, Lou Reed und Bono und haben ihnen unsere Idee vorgestellt. Die sind förmlich durchgedreht! Sie alle stehen absolut hinter unserem Geschäftsmodell. Wir mussten nur unsere Ideen realisieren. Das haben wir jetzt getan. Jetzt wird es spannend. Ich bin mir sicher: Bald kommen die alle zu uns!" Eine Vorstellung, die den Plattenfirmen den Angstschweiß auf die Stirn treiben dürfte, leiden die doch noch immer an den Nachwehen, seit ein cleverer Computerfreak namens Shawn Fennings den Jugendlichen den Stoff ihrer Träume gab: Napster.com, oder kurz gesagt, Musik für umsonst, nur einen Mausklick von der heimischen Festplatte entfernt. Allein durch das Kopieren von Tonträgern entstehen der Industrie Milliardenverluste. Eine Problematik, die natürlich auch "Artist Network" betrifft. Doch Stewart ist da recht optimistisch: "Wir haben davor keine Angst, weil unsere Finanzierung nicht ausschließlich auf dem Verkauf von Tonträgern basiert. Wir denken stark an weitere Verwertungen wie Fernsehen, M-Comerce und Internet."
Dazu erklärt Stewart seine Vorstellungen von der langfristigen Pflege des Spannungsfeldes Künstler, Fans und Firma. "Es sind durchschnittlich zwölf Bands, die einen Menschen in seinem Leben begleiten, Bands, die ihm wirklich etwas bedeuten. Nehmen wir als Beispiel die Rolling Stones. Eine Idee wäre, dem Konsumenten zu sagen: Du bekommst für zehn Euro im Jahr alles, was diese Band jemals veröffentlicht hat. Dazu alles, was sie zukünftig noch veröffentlichen wird. Das ist weniger als der Preis einer CD pro Jahr. Aber wenn wir damit zehn Millionen Fans weltweit erreichen, sind das 100 Millionen Euro ? pro Jahr! Wir haben da einige Modelle, die es lohnen, überdacht zu werden." Die hausgemachten Prognosen sehen natürlich blendend aus. In fünf Jahren will "Artist Network" 150 Millionen Dollar wert sein.
Stewarts Visionen gehen weit darüber hinaus. "In einem Jahr werden wir das Interesse einer Menge großer Künstler geweckt haben. Und in 50 Jahren wollen wir die weltweit wichtigste Adresse sein, die, welche Inhalte auch immer, interaktiv zur Verfügung stehen wird." Sweet Dreams, süße Träume. Realitätsüberprüfung folgt.



