Von Haydn bis Heavy Metal
Musikstudium - Was in vielen Ländern schon gängige Praxis ist, setzt sich auch in Deutschland durch: Musikhochschulen öffnen sich für die Popmusik. Komplett in schwarz gekleidet, mächtige Ohrringe und die langen Haare zum Zopf gebunden, doch wer denkt, Gereon Homann habe ausschließlich Heavy-Metal im Kopf, liegt falsch. Der 31-Jährige ist nicht nur Schlagzeuger in einer Rock-Band, sondern auch Jazz-Absolvent der Essener Folkwang-Hochschule für Musik und als Dozent an der Musikhochschule Münster vor allem wegen seiner Qualitäten im Rock- und Popbereich angestellt.
"Auch wenn Klassik weiterhin dominieren wird, öffnen sich die Musikhochschulen langsam für Popularmusik", sagt Professor Michael Dartsch, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Leiter musikpädagogischer Studiengänge in Saarbrücken. "Unsere Gesellschaft wandelt sich, und Popmusik nimmt gerade bei jungen Menschen einen großen Stellenwert in unserer Kultur ein." Doch die breite Wahrnehmung von Popkultur ist nicht der einzige Grund für einen Ausbau des Lehrangebots in diesem Musikbereich. "Die Berufs- und Musikschullandschaft verändert sich", sagt der Dekan der Musikhochschule Münster, Professor Reinbert Evers. "Eine nur klassische Ausbildung reicht nicht mehr aus und es wird schwierig, einen Job zu finden".
"So werden auch in Münster Pop- und Jazz-Inhalte zunehmend in den Lehrplan integriert. Der Studiengang "Keyboards und Musicproduction" ist komplett auf die heutige Musik- und Medienlandschaft ausgelegt und in den nächsten zwei Jahren soll weiter ausgebaut werden, was in anderen Ländern schon gängige Praxis ist.
"In den USA ist Rock- und Popmusik an den Hochschulen schon seit Jahren fest etabliert", sagt der Vorstand des Deutschen Rock- und Popmusikerverbandes (DRMV), Ole Seelenmeyer. "Aber auch europäische Länder wie England und Schweden sind in der Entwicklung neuer Lehrinhalte schneller und unkomplizierter, während sich die deutschen Hochschulen immer noch schwer tun." Bewerbung aus der Plastiktüte.
Auch in Münster war die Umstellung auf einen Rock-Dozenten anfangs noch etwas neu. "Es war schon ungewöhnlich, dass ein wild aussehender junger Mann eines Tages in mein Büro kam und aus einer Plastiktüte seine Bewerbung gezogen hat", erinnert sich die Geschäftsführerin der Musikhochschule, Anne-Katrin Grenda, an die erste Begegnung mit Gereon Homann.
Bereits seit zwei Jahren unterrichtet er nun Schlagzeug an der Musikhochschule und legt dabei keinen Wert auf Rock-Allüren, sondern setzt auf Disziplin. "Es gibt keine Feiertage, keinen Geburtstag. Manchmal ist es sehr hart, an eine Sache aus Leidenschaft zu glauben und dafür zu arbeiten, aber es wird der Tag kommen, an dem sich diese Arbeit auszahlt", sagt Homann. Was in einem Semester im Einzel- und Combounterricht gelehrt wurde, präsentierten die Studenten auf einem Livekonzert.
"Sie sollen einen Einblick in die Anforderungen eines Live-Auftritts bekommen, lernen wie man Stresssituationen meistert und klare zeitliche Vorgaben einhält", betont Homann, der Live-Drummer bei "Philip Boas Voodooclub" war und mit seiner Band "Eat the Gun" im Vorprogramm von "Status Quo" und den "Toten Hosen" aufgetreten ist.
Ein Hochschulstudium kann vorhandenes Talent jedoch nur weiter ausbauen, sagt DRMV-Vorstand Ole Seelenmeyer. "Erfolgreiche Musiker wie Jimi Hendrix und Bruce Springsteen haben nicht studiert, Musik ist Gefühlssache, für die man unglaublichen Willen, Kraft und Leidenschaft braucht."



