Sonntag, 06. Juni 2004 14:46
Musiker News: Kunst und Kultur

Fördermöglichkeiten für Existenzgründer

Plattenvertrag als Lebensziel?

Wer sich die aktuelle Boulevard-Berichterstattung über öffentliche Casting-Veranstaltungen in Deutschen Medien ansieht, könnte meinen, dass es für einen Musiker ausschließlich darauf ankäme, einen Plattenvertrag mit beliebigem Inhalt angeboten zu bekommen, diesen flugs zu unterschreiben und damit zum glücklichsten Menschen auf Erden zu werden. Aus dem Blickfeld junger Kreativer kann dabei mehr und mehr das Wissen schwinden, dass die Palette der Chancen, mit der eigenen Musik seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, größer ist als über Mattscheibe und Monitor dargestellt. Ja, es gibt auch für Musiker ein Leben neben dem opportunistischen Buhlen um die Gunst einer kleinen Jury von Experten und dem Glücksspiel des ewigen Jugendclub-Auftritts oder x-ten Demoversands an das Lieblingslabel.

Dass es verschiedene Arten von "Plattenverträgen" gibt, dürfte dem Großteil der MUSIKER-Leser bekannt sein. Welche (nicht nur kleinen) Gemeinheiten ein Künstlerexklusiv-Vertrag jedoch beinhalten kann, bedarf einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema. In der Regel gilt aber, dass man sich als "Sieger" eines populär vermarkteten Castings nicht zu viele Hoffnungen auf eine "lockere Hand" bei der Gestaltung der anstehenden Verträge machen sollte.

Sicherlich ist es eine Chance mit eigenem Reiz, von Beginn der öffentlichen Karriere an mit einem Top-Produzenten und einer zugkräftigen Plattenfirma zusammenzuarbeiten. Die Nachhaltigkeit für die persönliche, kreative Situation eines solchen kurzfristig "gemachten" Stars ist jedoch mehr als fraglich. An der tatsächlichen Auswertung, der Ausschüttung für den Künstler, werden viele Parteien teilhaben, die in weitaus stärkerer Position sind als dieser.

Und was heißt in diesem Zusammenhang schon "Künstler"? Die Mehrheit der gecasteten Jungstars wird wohl selten über die Schwelle des bloßen Interpreten hinaus kommen (ohne die künstlerische Arbeit von "Nur-Interpreten" hier diffamieren zu wollen). Wer sich also als eigenständiger, schöpferischer Künstler versteht und ein weitreichendes Mitspracherecht bei Veröffentlichungen und Artist-Development erwartet, ist bei solchen Veranstaltungen sicher fehl am Platz. Viel mehr als ein durch und durch abhängiges Verhältnis wird selten zustande kommen. Doch was sind die Möglichkeiten, die ein musikalisch kreativer Kopf hat, um sich sein täglich Brot zu erarbeiten?

Kunst contra Wirtschaftlichkeit

Sicher ist es nicht leicht, die eigene Kunst mit den Mechanismen des Marktes in Einklang zu bringen. Doch gerade Künstler im Bereich Popularmusik haben gegenüber bildenden Künstlern oder Musikern aus der Sparte E-Musik Vorteile, die auf der Hand liegen. Gebrauchsmusik wird, wie es schon der Name sagt, allerorten verwendet, eben "gebraucht". Ist die Lebensdauer solcher Werke auch gering, so muss aber nicht nur über diesen Umstand gemeckert werden. Vielmehr kann man gerade den Faktor "Kurzlebigkeit" als Chance begreifen. Es ist eine Sache, sich über die Qualität dieser sogenannten "Fahrstuhlmusik" verärgert zu äußern, eine andere, das anzubieten, was aus eigener Sicht mehr Qualität birgt und damit das Potential zum Überdauern des reinen Bedarfzwecks (z.B. Werbemelodien, Radio-Jingles, Corporate Music für Firmen, etc.) hat. Die größte Überwindung dürfte wohl die erste Annäherung an "den Markt" kosten. Wer hier jedoch mit der falschen Vorstellung herangeht, dass z. B. ein Produzent von Werbemusik oder ein Komponist von Radio-Jingles keinerlei künstlerische Freiheiten im Vergleich zu einem Popkünstler hat, irrt. Vorgaben sind zwar fast immer vorhanden, aber letztlich ist es ja Arbeitsfeld des Produzenten oder Komponisten, diese Vorgaben auszugestalten. Wäre dies nicht der Fall könnten Komposition und Produktion auch von einem Werbetexter oder Fotografen nebenbei gemacht werden. Es ist hierbei wichtig, die eigenen Kompetenzen gut und genau zu kennen, um äußere Einflussnahme und Meinungen zulassen zu können. Denn wer von sich aus voller Überzeugung sagen kann, dass er als Künstler bereits eine gewisse Reife erlangt hat, der braucht vor der Annäherung an den Musikwirtschafts-Markt keine Angst zu haben. Den persönlichen Stil des Künstlers wird man nicht nur in dessen Arbeiten wieder und wieder erkennen können, sondern es wird vielmehr gerade dieser unverwechselbare Stil sein, der zu einer Nachfrage und damit letztlich zu Einkommen führt. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass die eigene künstlerische Dienstleistung auch ausreichend (und an richtiger Stelle) beworben wird. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter, aber lohnenswerter Weg.

Qualitätsmerkmal Ausbildung

Gleichgültig, in welcher Art die berufliche Selbständigkeit nun im Einzelnen aussehen soll: Ein wichtiger Punkt zum Erkennen der fachlichen Voraussetzungen ist für jeden außenstehenden Entscheidungsträger die Ausbildung des Künstlers. Wer bisher nur unter der Dusche geträllert hat, dem wird man kaum das Vertrauen schenken, sich gegen Mitbewerber auf dem freien Markt durchsetzen zu können.Natürlich sind Hochschulabschlüsse und Urkunden von Konservatorien sehr angesehen, wenn es um die Einschätzung der Fähigkeiten eines Musikers geht. Doch vereinzelt reichen den öffentlichen Entscheidungsträgern auch Abschlüsse anderer Ausbildungsstätten aus.Wer einen Abschluss an der Rock- & Pop-Schule Freiburg, der Dortmunder Glen Buschmann Jazzakademie, an Hamburgs Sänger-Akademie oder einer vergleichbaren Einrichtung macht (ohne diese Institute hervorheben zu wollen), hat also gute Chancen, dort nicht nur wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse zu sammeln, sondern auch wertvolle Kontakte für die Zeit als Selbständiger zu knüpfen. Wer zudem noch nachweisen kann, dass er bereits (nicht-kommerzielle) Erfolge mit seiner Kunst verbuchen konnte (Preise und Auszeichnungen wie der Deutsche Rock- & Pop-Preis des DRMV) kann damit überzeugende Gründe für die Förderungswürdigkeit seines Existenzgründungs-Vorhabens anbieten.Neben der Ausbildung fällt auch der sonstige Lebenslauf ins Gewicht. Bringt zwar eine ehrenamtliche Produktionsarbeit für den Bürgerfunk vor Ort kein Geld ein, so kann mit guter Arbeit jedoch ein gewisser lokaler Status erlangt und auch hier wieder Kenntnisse und Kontakte gesammelt werden. Im Lebenslauf beweisen solche Tätigkeiten jedenfalls den Entscheidern von Fördermitteln Zielstrebigkeit und Erfahrung. Je mehr das zukünftige Arbeitsfeld des Gründers von diesem schon "marktvorbereitend" beackert wurde, desto eher wird diesem auch ein ertragreiches Arbeiten zugemutet.

Keine Angst vor Ämtern

Wer sich berufen fühlt, als selbständiger freiberuflicher Kreativer weisungsunabhängig und eigenverantwortlich zu arbeiten, kann und sollte offizielle Beratung in Anspruch zu nehmen. Diese ist zumeist kostenlos. Vor Ort informieren sowohl die Industrie- und Handelskammer, als auch die Wirtschaftsförderungen der Städte über Fördermöglichkeiten und die notwendigen Schritte, um sich erfolgreich eine nachhaltige Existenz aufbauen zu können.
Für wen Begriffe wie "Break-Even", "Einnahme-/ Überschuss-Rechnung" oder "Kapitalbedarfsplan" Böhmische Dörfer sind, der sollte sich für die Erstellung eines Businessplans sicherheitshalber von einem Unternehmensberater unterstützen lassen. Ein auf das Feld Kunst und Medien spezialisierter Berater verlangt zwar einen stolzen Preis, verfügt aber über Know-How und Kontakte, die den Weg in die berufliche Selbständigkeit entscheidend ebnen können.
Wichtig ist auch, zu wissen, dass die entstehenden Beratungskosten später nicht nur steuerlich abgesetzt, sondern auch zu einem hohen Prozentsatz von öffentlichen Stellen bezuschusst werden können. Bei Nachweis eines entsprechend geringen Einkommens kann dieser Zuschuss bis zu 90% betragen. Reichtum ist für eine Existenzgründung also vorteilhaft, weitgehendes Fehlen von Sicherheiten jedoch nicht das notwendige Aus. Die öffentlichen Mittel sind in den meisten Fällen über die städtischen Wirtschaftförderungen zu beantragen. In vielen deutschen Großstädten gibt es bereits Kreativzentren, in denen sich städtische Beamte gezielt mit der Förderung und Beratung von Künstlern beschäftigen. Hierbei gilt: Angst vor den Ämtern braucht man nicht zu haben.Fördermöglichkeiten für KreativeAn dieser Stelle alle Förderprogramme für Existenzgründer aufzuzählen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Zu vielfältig sind die Produkte, welche von Städten, Ländern, Bund unter Europäischer Union angeboten werden.Auf einen bisher weitgehend unbekannten Ausgleich für Existenzgründer, die keine Ansprüche gegenüber dem Arbeitsamt geltend machen können, sei hier jedoch gesondert hingewiesen; den Europäischen Sozialfonds (ESF). Durch diese Gelder sollte es den meisten Gründern möglich sein, die privaten Kosten (die sogenannten "Privatentnahmen") zu annähernd 100% zu decken. Da aber für diese Mittel ein entsprechender Nachweis des Arbeitsamtes zu erbringen ist, kommt das ESF-Programm beinahe ausschließlich für Studienabgänger / -abbrecher und Sozialhilfeempfänger in Betracht.Da auch hier, wie bei allen öffentlichen Geldern, natürlich kein immerwährender Fluss besteht, wird sehr genau auf die Voraussetzungen des Antragstellers geschaut. Gefördert wird in Gebieten, in denen ein wirtschaftlicher Wandel vollzogen werden soll (z.B. im Ruhrgebiet). Die regionale Differenzierung wird hier von Amtsseite derart strikt durchgeführt, (und das ist kein Witz!) dass es sich unter Umständen lohnen kann, in die Nachbarstrasse umzuziehen, um das eigene Vorhaben bezuschussen zu lassen.Für kleine bis mittlere Investitionen, wie Umbau oder Einrichtung eines eigenen Projektstudios, kann auf Darlehen der Hausbank zurückgegriffen werden, die die banküblichen Sicherheiten prüft und notfalls auch auf staatliche Absicherungen zurückgreift. Für die Finanzierung einer Existenzgründung übernehmen Banken des Bundes mit Programmen wie dem "DtA-Startgeld" vielfach Bürgschaftsanteile bis zu einer Höhe von 80%. Bei höheren Investitionssummen ab 50.000,-? werden Programme wie die EKH (Eigenkapitalhilfe) und ähnliche hinzugezogen. Den Mix aus den passenden Fördermitteln stellt aber immer der Berater der Hausbank zusammen.Für alle diese Förderprogramme gilt: Man darf nicht mit der Gründung begonnen haben, also keine rechtskräftigen Verträge als Selbständiger unterzeichnet haben, sonst sieht es schlecht aus. Deshalb sei abschließend noch dringend empfohlen, vor allem Finanzierungsfragen frühzeitig realistisch zu klären, damit durch die Bearbeitungszeiten der Banken (6 ? 8 Wochen) keine Verzögerungen in der eigenen Planung entstehen können. Wahres Talent Solange man als Künstler Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat und sich nicht einen Platz zuweisen lässt, sondern ihn sich selbst erarbeitet, besteht eine Vielzahl von Möglichkeiten, von der eigenen Kunst leben zu können. Den Mut zu haben, Verantwortung zu übernehmen, kann sich also bezahlt machen. Vorausgesetzt, man entwickelt klare Ziele und ist bereit dazu auf des Messers Schneide zwischen der eigenen Kunst und wirtschaftlichem Denken mit sich selbst zu verhandeln.Wer sich nicht nur als Künstler begreift, sondern im Kern auch ein solcher ist, wird auch durch Zugeständnisse an Bedürfnisse der Auftraggeber nicht zu einer anderen Person, einem "schlechteren" Künstler, sondern hat die Chance, selbständig zu leben und zu arbeiten.Und was den Erfolg angeht, war sich mit unverwüstlichem künstlerischen Selbstverständnis zumindest US-Entertainer Frank Sinatra sicher: "True talent will always get to the top".

C. Kaiser


 
Informationen zum Deutschen Rock & Pop Preis
Zum aktuellen Magazin
Informationen zum DRMV
Zur Buchbestellung
 
  • Musiker Newsletter
    • Musiker News
  • Musiker Nachrichten
    • Kurznachrichten
    • Musik und Medien
    • Kunst und Kultur
    • GEMA und GVL
    • Künstler und Recht
  • Musiker Online TV
    • TV Programm
    • Specials
    • Dt. Rock+Pop Preis '08-'10
    • Dt. Rock+Pop Preis '07
    • Deutsch. Rock+Pop Preis
    • Produkt Workshop
  • Musiker Magazin
    • Magazin Abo
    • Aktuelles Magazin
    • Magazin Archiv
  • DRMV
    • Informationen
    • Leistungen
    • Mitgliedschaft
    • Deklaration
    • Vorstand und Rock & Poprat
    • Vereinssatzung
  • Deutsche Popstiftung
    • Stiftungs-Mitglieder
    • Ziele
    • Stiftungssatzung
  • Deutscher Rock+Pop Preis
    • Informationen
    • Kategorien
    • Anmeldung
    • Pressemitteilungen
    • Gewinner